Sapere aude!- Oder Gottes Freiheit verstehen lernen

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Was bestimmt deine Gedanken, wenn du über Gott nachdenkst? Was kommt dir in den Sinn, wenn du dir vorstellst, was sein Wille sein könnte? Und was fühlst du dabei? Freiheit und Freude oder doch eher Angst und Gelähmtheit?

Ich denke, man kann behaupten, dass die meisten Menschen, wenn nicht alle, egal, ob gläubig oder nicht, ein bestimmtes Gottesbild haben, das je nach Prägung variiert und nicht zwingend auf persönlichen Erkenntnissen und Erfahrungen, sondern oft auf vermitteltem Wissen beruht. Meist scheint dieses Bild scheinbar im Widerspruch mit dem modernen europäischen Gedankengut der Aufklärung und der damit einhergehenden Selbstbestimmung und Reife des Menschen zu stehen. Es wirkt fast so, als müsse man sich entscheiden, sich entweder das (Nach-) Denken zu verbieten und weltfremd zu werden, um dann ein Leben mit Gott führen zu können, oder eben auf Letzteres gänzlich zu verzichten, oder sich lediglich gewisse Aspekte des Glaubenslebens auszusuchen. Denn würde man die Wahl treffen, sein Leben nach Gottes Maßstäben und in Beziehung mit ihm zu leben, bedeutete dies letztendlich Begrenztheit, Enge und Freiheitsverlust. So könnte man zumindest denken.

Ich habe mich selbst schon oft so gefühlt, als würden mir bei dem Versuch, mich ganz auf Gott und seinen Willen einzulassen, Weite und Lebensfreude genommen, in dem Glauben, Er wäre derjenige, der mich begrenzt. Ich war ja der festen Überzeugung, zu wissen, wie er war. Wurde es mir denn nicht oft genug vermittelt und war mir denn nicht oft genug sein Plan für mein Leben durch meine Gemeinde unterbreitet worden? Also hörte ich einfach teilweise auf, mich nach seinem Wort und Willen zu richten und ging meine eigenen Wege, aus Angst, er würde mir alles „Gute und Schöne“ nehmen, wenn ich ihm gehorchte.

Wäre das allerdings der Fall, wie ist dann folgender Vers aus dem Galaterbrief zu verstehen?

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ Galater 5, 1

Paulus warnt die Galater davor, sich anstatt in Gott und der Freiheit, die er uns durch Jesus geschenkt hat, in Gesetzen und frommem Verhalten zu verlieren. Er rüttelt sie aus ihrer religiösen Lethargie auf, indem er sie darauf aufmerksam macht, dass allein „der Glaube, der durch die Liebe tätig ist“ (Galater 5, 6) bei Jesus von Bedeutung ist. Betrachtet man diese Verse, lässt sich dann nicht eher schlussfolgern, dass Enge und Religion menschengemacht sind und Gottes Bestimmung für uns eine ganz andere ist; die freier und reifer Persönlichkeiten, deren Handlungen rein durch Liebe motiviert sind?

Papst Johannes Paul II. schrieb zu dieser Thematik folgendes:

„Menschliche Reife ist Vollgebrauch des Geschenks der Freiheit.“

Was bedeutet das nun also? Es meint das Gottesgeschenk des freien Willens, der uns eine selbstgewählte Lebensführung und Gottesbeziehung ermöglicht und die Fähigkeit Wahrheit und Schönheit zu entdecken und erkennen zukommen lässt.

Der kanadische Pater George Elsbett drückt es wir folgt aus:

„Wo eine Regel um der Regel willen befolgt wird, da gibt es keine Freiheit und deswegen auch keine Reife. Es gehört zur Würde des Menschen, zu begreifen, warum er etwas macht. Er muss es selbst wollen. […] Erziehung der Freiheit läuft immer über die Entwicklung der Fähigkeit ab, jene Werte zu entdecken, die hinter den zu treffenden Entscheidungen stehen.“

Es ist nun somit an uns, über die Dinge, die die Bibel sagt nachzudenken und Gott selbst nach seinem Willen für unser Leben zu fragen, eben ihn uns zur Freiheit und Reife erziehen lassen. Das Ziel dieser Erziehung ist dabei nicht blinder Gehorsam, sondern das Erkennen des Guten und der Sinnhaftigkeit in den göttlichen Geboten und Weisungen und ein darauffolgendes Annehmen dieser Richtlinien für das eigene Leben. Diese selbstgewählte Annahme ist deshalb so entscheidend, da wir ohne dieses persönliche Erkennen an der Umsetzung der Gebote scheitern würden, da Freiheit nach einer Motivation [verlangt], die ihren Entscheidungen Tragfähigkeit verleiht“ (George Elsbett).

Um diese Motivation zu erhalten, ist es nötig sich, zu fragen, warum man glaubt, was man zu wissen scheint, wie das eigene Gottesbild ist und, ob es der Wahrheit entspricht, oder lediglich der eigenen Prägung entstammt. Die Antworten auf diese Fragen finden wir dann, wenn wir persönlich mit Gott in Kontakt treten, sein Wort selbst lesen und darüber nachdenken und uns nicht mit dem zufrieden geben, was vertraut ist und vielleicht die naheliegende Schlussfolgerung. Natürlich wird es nicht möglich sein, Gott auf dieser Seite der Ewigkeit ganz zu begreifen und das ist auch nicht der Anspruch, aber dieses Nachfragen bewahrt davor, Gott zu jemandem zu machen, der er nicht ist und ihn aufgrund dessen zu verlassen. Ist er nicht so viel größer, weiter und höher, als wir jemals zu hoffen vermögen?

„Aliud enim pro alio potest invocare nesciens. An potius invocaris, ut sciaris?
Wer dich nicht kennt, kann dich beim Anflehen mit etwas anderem verwechseln. Oder ruft man dich nicht doch an, um dich zu kennen?“ – Augustinus, Confessiones I. 1.

Dieser Ausspruch Augustins soll dir als Ermutigung gelten, dich zu trauen, Gott außerhalb des Gewohnten zu suchen, das zu hinterfragen, was du schon zu wissen glaubst und durch den Dialog mit ihm immer mehr herauszufinden, wer er wirklich ist und was seine Pläne für dein Leben sind. Habe den Mut, Gott selbst kennen zu lernen und nicht einfach das Bild zu übernehmen, das andere von ihm gezeichnet haben. Das mag teilweise hilfreich sein, aber es ersetzt niemals das persönliche Erkennen und es wird auf Dauer nie genug sein. Wenn er sagt: „die mich suchen, finden mich“ (Sprüche 8, 17) heißt das, er will gesucht werden und wenn du dich aufmachst, das zu tun, wird er dich nicht im Regen stehen lassen. Hab keine Angst deine Fragen zu stellen! Er kennt sie ohnehin und vermag es, ihnen auf eine Weise zu begegnen, die du nie für möglich gehalten hättest.

 

Julia

…die den Frühling

kaum erwarten kann

    Wenn das Herz vor Liebe spricht
    Gemeinschaft – wir sind dafür gemacht