Nachfolge und Leiterschaft

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Ich bin in einer christlichen Familie großgeworden und war soweit ich denken kann immer in irgendeiner Gemeinde und immer auch ein Ältesten-Kind. Die Gemeinde, in der ich meine Jugend verbrachte, war extrem autoritär. Der Pastor hatte das sagen, ihm zu widersprechen war Rebellion. Es gab immer wieder Predigten zum Thema Leiterschaft und Unterordnung. Gleichzeitig wurden wir dazu ermutigt, groß zu träumen und Unglaubliches zu erwarten, Gott habe einige von uns zu Leitern berufen. Ich war einerseits gespannt auf das, was Gott tun würde, andererseits beschlich mich auch eine stille Angst: wenn manche von uns zu Leitern berufen waren, mussten dann nicht auch andere dazu berufen sein, geleitet zu werden? Wenn also auf meiner Freundin eine Berufung von Leiterschaft liegt, liegt auf mir dann vielleicht die Berufung als braves Gemeindemitglied sonntags den Gottesdienst zu besuchen und den Rest der Woche ein langweiliges Büroleben zu führen? Irgendwer musste ja schließlich den Zehnten bezahlen, wovon sollte der Leiter sonst leben? Ich beobachtete das Ökosystem Gemeinde, das Lottospiel der Berufungen und ohne mir dessen bewusst zu sein, teilte ich die Menschen, die ich sah, in zwei Kategorien ein: die Prediger, Leiter und solche, die es werden würden – und die Anderen.

Nach dem Abi verbrachte ich ein Jahr in einer Jüngerschaftsschule in England. Ich war Teil einer riesigen Gemeinde, in der ich unglaublich viel lernte und mich mit ganz anderen Ansichten konfrontiert sah. Immer wieder wurde dort gepredigt: „Wenn du ein wiedergeborener Christ bist, wenn du Jesus nachfolgst, dann bist du ein Leiter!“ Das hatte ich so noch nie gehört. Aber eigentlich ist es logisch: wenn du jemanden zu Jesus führst, dann leitest du! Denn jemanden zu führen ist leiten. Wenn du aufgrund deines Lebensstils für jemanden ein Vorbild bist, dann lebst du Leiterschaft! Jüngerschaft ist Leiterschaft. Jesus nachfolgen ist vorangehen. Ich fand die Ideen interessant aber muss gestehen, dass ich Jahre gebraucht habe, bis ich ihre Relevanz für mich begriff.

Viele Jahre und zwei Gemeinden (und -spaltungen) später, ging ich in eine relativ kleine Gemeinde, in der sich alle recht gut kannten. Die Ältesten fragten mich nach einiger Zeit, ob ich in das Leitungsteam einsteigen wollte. Obwohl ich nicht wusste, ob ich dieser Verantwortung gewachsen war, willigte ich ein. Es war ein abenteuerlicher Blick hinter die Kulissen. Man erfuhr plötzlich von ganz anderen Dramen und uns wurde viel anvertraut. Dadurch hatte der Ältestenkreis schon etwas Exklusives. Andere Gespräche und Meinungen bekam ich dafür plötzlich nicht mehr mit. Die Kategorisierung, das zwei-Klassen-System, spürte ich noch deutlicher als zuvor. Das ging nicht mal unbedingt vom Leitungsteam aus. Ich befand mich plötzlich auf der anderen Seite und in der Unterzahl. Es wurden ständig Sätze gesagt wie: „Die Ältesten haben gesagt….“ oder „Die Ältesten haben beschlossen…“ und das klang immer so distanziert. Wir Ältesten waren in manchen Wochen jeden Abend in  Gemeindesache unterwegs, ich predigte in manchen Jahren einmal im Monat, wir leiteten Hauskreise, sonntags leitete fast jeder von uns irgendein Team, unter der Woche arbeiteten wir. Es war intensiv und überfordernd. Ich trat nach fünf Jahren zurück, als mir die Bedürfnisse zu viel und die Erwartungen zu groß wurden.

Ich bin der Meinung, dass von Pastoren und Leitern oft etwas Falsches erwartet wird (auch von ihnen selbst). Viele geben eigene Verantwortungen einfach bei den Leitern ab. Es ist genauso Falsch Leiter in einen Star-Status zu erheben, wie sie chronisch abzulehnen und sie ständig zu hinterfragen und zu kritisieren. Gemeindeleitung ist gut und richtig und von Gott eingesetzt. Sie soll Ordnung machen, Dinge im Blick behalten, geistliche Verantwortung übernehmen und Hilfestellung geben, das steht nicht zur Frage. Es ist aber nichts Glamouröses, nichts womit man sich schmücken kann. Es ist ein Dienst. Und nicht an der Gemeindeleitung hängt unsere Beziehung zu Gott. Er hat seinen Sohn gesandt, damit er den Weg zum Vater frei macht. Wir können und sollen nun ganz persönlich unserem Gott gegenübertreten. Wir brauchen keinen Mittler, niemanden, der für uns Entscheidungen trifft, der für uns auf den heiligen Berg steigt, denn Gott wollte, dass wir selber zu ihm kommen. Unsere Beziehung hängt nicht von den Worten eines Predigers ab, sondern davon, wie wir selbst ihn suchen und ihm vertrauen. Pastoren und Leiter haben auch Bedürfnissen, kämpfen mit Sünden und erliegen ihren Schwächen: sie sind Menschen. Sie sind nicht automatisch größer, näher bei Gott oder stärker im Glauben, nur weil sie leiten. Jeder von uns ist selbst von Jesus gerufen: „Folge mir nach!“

Da wird diese tolle Gemeinschaft in Philipper 2, 1-7 beschrieben:

„Es gibt über euch so viel Gutes zu berichten: Als Menschen, die mit Christus verbunden sind, ermutigt ihr euch gegenseitig und seid zu liebevollem Trost bereit. Man spürt bei euch etwas von der Gemeinschaft, die der Geist Gottes bewirkt, und herzliche, mitfühlende Liebe verbindet euch. Darüber freue ich mich sehr. Vollkommen aber ist meine Freude, wenn ihr euch ganz einig seid, in der einen Liebe miteinander verbunden bleibt und fest zusammenhaltet. Weder Eigennutz noch Streben nach Ehre sollen euer Handeln bestimmen. Im Gegenteil: Seid bescheiden und achtet den anderen mehr als euch selbst. Denkt nicht an euren eigenen Vorteil. Jeder von euch soll das Wohl des anderen im Auge haben.“

Ich glaube, dass DIE Gemeindeleitung viel weniger im Mittelpunkt steht, als wir glauben. Nicht über den Leiter sollte die Gemeinde definiert werden, sondern über die Gemeinschaft, in der wir auch einander leiten. Und wir sind selbst gefragt so zu leben, wie wir es von Leitern erwarten, denn wir tragen die Verantwortung für uns selbst und für einander. Schließlich werden wir alle dazu aufgefordert:

„Nehmt euch Jesus Christus zum Vorbild:  Obwohl er in jeder Hinsicht Gott gleich war, hielt er nicht selbstsüchtig daran fest, wie Gott zu sein. Nein, er verzichtete darauf und wurde einem Sklaven gleich: Er wurde wie jeder andere Mensch geboren und war in allem ein Mensch wie wir.“

Momentan gehe ich tatsächlich sonntags brav in den Gottesdienst einer mittelgroßen Gemeinde und lebe den Rest der Woche das gefürchtete Büroleben. Ich gehe regelmäßig in einen Hauskreis und lege den Fokus darauf, tiefe Beziehungen aufzubauen. Denn ich glaube, dass das der eigentliche Kern von Gemeinde ist. Es geht um das Miteinander, es geht darum, einander zu lieben, zu ermahnen und zu ermutigen. Wie soll der Pastor von der Kanzel aus meine Schwächen sehen und mich korrigieren? Wie soll er meine Stärken sehen und mich fördern? Das geht nur durch verbindliche Beziehungen, durch Offenheit und durch gemeinsam gelebten Glauben. In der Gemeinschaft wachsen wir in Mut, Demut und Weisheit. Jeder von uns hat Gaben bekommen, die die anderen brauchen, mit denen wir einander dienen können. Lasst uns einander gegenseitig Vorbild sein!

Jüngerschaft ist Leiterschaft.

Jesus nachfolgen ist vorangehen.

 

Mirka

  • Avatar
    Frieda
    12. Oktober 2018

    Mirka! Dankeschön! Das sehe ich ganz genauso 😉
    Jüngerschaft ist leiterschaft und leiterschaft ist jüngerschaft ! So true und schlicht und doch irgendwie neu, dass so direkt auszusprechen! Danke dass du so gute wahre worte findest!
    … und das leiterjoch damit auch mal wieder das ‚leichte‘ werden kann!
    Wozu all der hype hier, doppelmoral da…usw… liebste grüsse!

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