Doppelgebot

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„quid dulcius quam habere quicum omnia audeas sic loqui ut tecum! – Was ist denn angenehmer, als jemanden zu haben, mit dem du dich getrauen kannst, alles so zu bereden wie mit dir selbst?” Cicero, Laelius de amicitia, VI. 22

Ich denke, dies ist eine Aussage, die wir alle so unterschreiben würden. Und wir kennen sicher auch alle die Momente, in denen wir innerlich unruhig sind, ehe wir einen unserer Freunde erreichen, um ihnen zu erzählen, was uns auf dem Herzen liegt. Manche Dinge sind eben nur halb so schön, wenn man sie mit niemandem teilen kann.

Dies ist etwas zutiefst menschliches, da der Mensch als Gemeinschaftswesen angelegt ist. Wir blühen auf, wenn wir ein stabiles Netzwerk aus Freunden und Familie um uns haben und verkümmern, wenn wir lange Zeit einsam sind. Grundsätzlich ist das nicht weiter problematisch, es sei denn, wir suchen Freundschaften, um eine Leere zu füllen, oder um etwas zu sein oder zu erreichen, was wir selbst nicht sind, nicht in uns sehen oder tun können. Das ist äußerst kritisch, da wir so nicht Freundschaft um der Person willen, sondern um unser selbst willen suchen und damit andere instrumentalisieren. Dies entspricht allerdings weder dem Gebot der Nächstenliebe, das Jesus uns mit auf den Weg gegeben hat, noch dem, wie wir selbst gerne behandelt werden würden.

„Sed pleique perverse ne dicam inpudenter habere talem amicum volunt, quales ipsi esse non possunt quaequae ipsi non tribuunt amicis, haec ab iis desiderant. Par est autem primum ipsum esse virum bonum tum alterum simile sui quaerere. – Doch die meisten wollen auf eine verkehrte, um nicht zu sagen unverfrorene Art ihren Freund so haben, wie sie selbst nicht sein können, und was sie selber ihren Freunden gegenüber nicht leisten, das verlangen sie von ihnen. Es gehört sich aber, zunächst einmal selbst ein anständiger Mensch zu sein und dann nach einem anderen zu suchen, der uns ähnlich ist.“ Cicero, Lealius de amicitia, XXII. 82

Um andere also nicht als Lückenfüller für unsere eigene Leere zu missbrauchen, ist es nötig, uns zunächst einmal selbst anzunehmen, lieben zu lernen und uns zu entscheiden, wie wir sein und leben wollen. So suchen wir bei anderen nicht Orientierung oder Halt, sondern können liebevolle Gemeinschaft auf Augenhöhe leben. Schließlich sehnen wir uns ja alle danach, um unserer selbst willen geliebt, gesucht und gesehen zu werden. Außerdem haben wir so selbst einen sichereren Stand und sind nicht abhängig von Umständen oder den Meinungen und Handlungen anderer Leute in unserem Umfeld.

 „ipse enim se quisque diligit, non ut aliquam a se ipse mercedem exigat caritatis suae, sed quod per se sibi quisque carus est. quod nisi idem in amicitiam transferetur, verus amicus numquam reperietur; est enim is qui est tamquam alter idem. – Jeder liebt ja sich selbst, nicht etwa, um von sich irgendeinen Lohn für seine Liebe einzufordern, sondern weil eben ein jeder sich selbst von Natur aus teuer ist. Wenn man das gleiche nicht auf die Freundschaft überträgt, wird man niemals einen wahren Freund finden, denn dieser ist gleichsam unser zweites Ich.“ Cicero, Laelius de amicitia, XXI.80

Wenn wir uns nun also Ciceros Rat zu Herzen nehmen und uns gelingt, was er fordert, werden wir feststellen, dass unsere Freundschaften aufblühen und unsere Zuneigung bei anderen Anklang findet, da sie frei geschenkt wird.

[…] sic amicitiam non spe mercedis adducti, sed quod omnis eius fructus in ipso amore inest, expetendam putamus.  – […] so halten wir auch Freundschaft nicht in der Hoffnung auf Gewinn für erstrebenswert, sondern weil ihr eigenster Genuss schon in der Liebe selbst besteht.” Cicero, Laelius de amicitia, VIIII. 31

Dies klingt nun alles sehr toll und logisch und sicherlich haben wir das alle schon einige Male gehört und verinnerlicht. Wie kann es also sein, dass sich unsere Freundschaften trotzdem so oft schwierig gestalten? Ich denke, ein Grund dafür ist, dass es uns unheimlich schwer fällt, uns selbst anzunehmen, so wie wir sind und sozusagen Freundschaft mit uns selbst zu schließen. Melanie Wolfers, eine katholische Theologin, schrieb sogar ein ganzes Buch darüber; „Freunde fürs Leben“ heißt es. Der Titel impliziert auch schon, dass wir „sozusagen lebenslänglich an uns gebunden sind“ und es daher von so großer Wichtigkeit ist, mit uns selbst Frieden zu schließen. Wolfers schreibt: „Wenn wir Freundschaft mit uns schließen, werden wir heimisch in unserem Leben und gestalten kraftvoll unsere Gegenwart.“

Wenn es uns nun gelingen würde, uns selbst zu lieben, wie es ja auch schon in der Bibel steht (deinen Nächsten, wie DICH SELBST), könnten wir im Einklang mit uns selbst und unserem Schöpfer unser Leben aktiv gestalten und es genießen. Wir wären in der Lage uns selbst zu verzeihen, gut mit uns umzugehen und hätten somit wiederum wieder mehr Geduld mit anderen und mehr Kapazitäten uns ihnen aufrichtig zu widmen, ohne selbst dabei etwas Bestimmtes erlangen zu wollen.

Ich kann daher Frau Wolfers nur zustimmen, wenn sie sagt, dass [w]ir uns selbst und den Menschen, mit denen wir im Kontakt stehen, einen großen Gefallen [tun], wenn wir Freundschaft schließen mit uns selbst.“ Und ist es nicht das, was wir uns alle wünschen, mit uns im Reinen zu sein, zu wissen, dass wir wertvoll, liebenswert und besonders sind und genauso gut, wie wir eben sind? Ich wünsche mir, dass wir alle erkennen dürfen, dass wir so viel mehr sind, als alles, was wir je erreichten, alles was uns jemals zustieß und so viel mehr als alle unsere Fähigkeiten, Träume und Ängste. Ich wünsche mir, dass es uns gelingt uns selbst ein guter Freund zu sein und dass wir auf dieser Grundlage gesunde, liebevolle und unterstützende Beziehungen zu bauen.

Julia

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